
Precht, Richard David: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
Eine philosophische Reise.
Goldmann Verlag München 2007
ISBN 978-3-442-31143-9
Die Ausgabe, die ich in den Sommerurlaub 2008 mitgenommen habe, war bereits die 16. Auflage des Buches von Richard David Precht innerhalb eines Jahres. Zu diesem Zeitpunkt stand das Buch außerdem auf Platz 1 der Bestsellerliste des Spiegels: ein echter Verkaufshit. Ein philosophisches Buch mit Substanz als Bestseller?
Ich war leicht skeptisch zu Beginn der Lektüre. Nach 380 anregenden Seiten weiß ich, warum das Buch ein Bestseller ist: Es nimmt den Leser mit auf eine Reise zu großen Philosophen, vermittelt neue Erkenntnisse der Hirnforschung und setzt sich zudem mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander. Und das Ganze auf eine sympathische, lockere Art und Weise.
Die besuchten Denker repräsentieren einen bunten Reigen der westlichen Philosophiegrößen: Descartes, Rousseau, Kant, Nietzsche, Schopenhauer, Epikur, Wittgenstein, Luhmann und einige mehr. Der besondere Charme dieser „Besuche“ besteht darin, dass es Precht gelingt, die Essenz der jeweiligen philosophischen Gedankengebäude in wenigen Seiten zu beschreiben und dabei auch die jeweilige Person lebendig werden zu lassen. Ein Höhepunkt ist das fiktive Gespräch von Benjamin Libet, einem der Pioniere der Hirnforschung des 20. Jahrhunderts, bei Arthur Schopenhauer im fiktiven Jahr 1850. Einfach köstlich, wie hier das profunde Wissen des Autors und seine Fabulierfreude zusammen spielen.
Das Buch hat aber nicht nur die Philosophie im Fokus und ist weit mehr als eine locker erzählte Geschichte großer und einflussreicher Denker. Der eigentliche Spannungs- und Erkenntnisbogen entsteht dadurch, dass Precht die Gedankengebäude der Philosophen immer wieder zu anderen wissenschaftlichen Bezügen und insbesondere den Erkenntnissen der Hirnforschung in Beziehung setzt. Dadurch bekommt Prechts Buch eine spannende Aktualität und Einzigartigkeit. Ich habe bisher zumindest nichts gelesen, was diese Verbindung in so profunder und kenntnisreicher Weise leistet. Und auch nur vor diesem Hintergrund ist es möglich, dass der Autor zu so grundsätzlichen Themen wie Abtreibung, Stammzellenforschung, Tier- und Artenschutz, Eigentum und Konsum durchaus originelle und lesenswerte Gedanken zu Papier bringt.
Im Laufe der „philosophischen Reise“ wächst die Spannung, wo diese Reise wohl enden wird und ob es so etwas wie ein Ziel dieser „Reise“ gibt. Vielleicht die große, erhellende Antwort auf die Frage des Buchtitels „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“.
Wer das Buch mit dieser Erwartung liest, wird enttäuscht; diese „große Antwort“ gibt es nicht. Der Autor resümiert auf Seite 374: „Die Frage nach dem Sinn des Lebens kann heute nur noch subjektiv beantwortet werden….Sinn ist keine Eigenschaft der Welt oder Natur, sondern eine typisch menschliche Konstruktion… So gesehen kann es nicht darum gehen, einen Sinn in der Welt zu finden, sondern wir müssen ihn uns geben. Die Sinnfrage ist also eine menschliche Frage“.
Als einigermaßen kluger und reflektierter Mensch hat man das natürlich schon vorher gewusst. Hat sich also das ganze Lesen nicht gelohnt? Ist das Buch eine Enttäuschung? Eindeutig „Nein!“. Die „philosophische Reise“, zu der Precht den Leser einlädt und mitnimmt, ist ein anregender, intelligenter Genuss; empfehlenswert nicht nur für Urlaubstage.
Dr. Edgar Geiselhardt

